Monday, 24 January 2011

Schuld und Schokolade

Diese Schokoladendiskussion, die sich in den Kommentaren zu meinem letzten Eintrag entsponnen hat, ist schon hochinteressant. Zufällig passt sie auch zum Thema "charity shopping", über das ich derzeit schreibe. Fairtradeprodukte haben zwischen 1 und 2% Marktanteil in Deutschland, dabei sollten sich ja wohl inzwischen viel mehr Menschen Gedanken darüber machen, woher ihr Essen kommt. Aber bei "sollten" liegt genau der Hund begraben. Ich bin inzwischen überzeugt, wenn man nur an das "Gute im Menschen" und an unterschwellige Schuldgefühle appelliert, wird das nie eine faire Welt. Freiwillig gibt doch niemand seine Privilegien auf!  Aber wir können zumindest ein Bewusstsein davon haben, dass wir privilegiert sind. Es gibt ja immer mehr Lohas, die in Bioläden einkaufen und um Aldi und Lidl einen weiten Bogen machen. Natürlich ist es wunderbar, wenn man gutes Essen für sich zur Priorität macht und dabei auch noch bei den Produzenten einkauft! Nur Foodie-Snobismus ist mir ein Greuel: WAAS - die kochen mit TRÜFFELÖL!!! Die essen noch Tapas, wo doch dieses Jahr Sashimi dran ist! Haha - Cupcakes, Macarons! Sooo letztes Jahr!  Die Lobgesänge auf The Fat Duck, El Bullí etc. dieses Endlosschleife von Hypes - aha, Noma, bestes Restaurant der Welt, wow, die kochen mit Stroh! Und darf's vielleicht doch noch ein Schaumsüppchen sein?
Wie wäre es stattdessen mit Galette des Rois aus meinem Lieblings-Fastfoodstand am Münchner Hauptbahnhof? Günstig, süß und lecker. Die herrlichen Macarons (für nur €1,50) gibt's nämlich schon nicht mehr!
 

Here is what I buy in Munich Central Station when I go to my Mum's on Sunday: sadly, the delicious  macarons have already been replace with this delicious Galette des Rois.
My mention of using cheap chocolate for the Braunies has sparked of an interesting debate about correct consumption. My expererience is that goodness alone will not change the world, as our whole economic system is built on the assumption of rational self-interest. But there is no harm in being aware of our privileged situation and of a few food facts. I am very happy, for example, with Hugh Fearnley-Whittingstall and Jamie Oliver raising shoppers' consciousness  about over-fished types of fish. Anyone who promotes eating tuna and cod now should be ignored, or lightly biffed. And who knows, maybe all these anti-meat eating books will do some good in the end. But what I REALLY don't like is all that foodie faddy stuff - cupcakes are SOO last year, bring on the pies! What - you are still using TRUFFLE OIL? Tapas? SO last century - sashimi is where it's at in this new slim, electronic age. Foamed soup, anyone?
Remember: If you have food in the refrigerator, clothes on your back, a roof overhead and a place to sleep...you are richer than 75% of this world.
If you have money in the bank, in your wallet, and spare change in a dish someplace ... you are among the top 8% of the world's wealthy.
And if you are not, you can always try this.

17 comments:

  1. Danke für den Beitrag Ilse! Foodie Snobismus ist wirklich daneben. Und danke für das Foto vom Münchner Hauptbahnhof, ich war heuer im Sommer das erste Mal in München, und ich fand diesen Bahnhof so schön! Und es gibt wirklich sehr leckere Snacks dort zu kaufen :-D Natürlich finde ich nicht nur den Bahnhof schön. Ganz München hat mich begeistert! :-)

    ReplyDelete
  2. Bei meinen Einkäufen in Bioläden fallen mir gehäuft schlecht gelaunte Gesichter auf - mehr als in anderen Läden. Was mag dafür die Erklärung sein?
    Überfällig und richtig Deine Worte zum foodie Snobismus.
    Meine anfängliche Begeisterung über die Foodbloggerwelt ist einer Genervtheit ob der aufgeregten Selbstinszenierungen gewichen. Auch die gegenseitige verbale Beweihräucherung ist mir unerträglich. Als ob da die Geschichte des Kochens geradeneu geschrieben (und fotografiert) wird.
    Irgendwie findet da gerade der overkill statt, nur wurde der Schuß ins Knie noch nicht bemerkt.

    ReplyDelete
  3. bei den gesprächen wegen bio und fair stelle ich fest, dass es nicht so durchdringt dass es auch um umwelt und andere menschen geht - die meisten denke bei bio erstmal an die eigene gesundheit und vor allem an den geschmack. hier wird erwartet, dass bio besser schmeckt, weil teuerer ist. wenn es das nicht ist - kaufen wir weiter bei aldi und lidl... ich persönlich verstehe das nicht - ich beschäftige mich schon seit 30 jahren mit dem thema. sehr ungerecht ist natürlich der hohe preis im bioladen - der kommt daher dass die umweltschäden der konventionellen landwirtschaft von der allgemeinheit getragen werden, die konventionelle landwirtschaft hoch subventioniert wird, bioprodukte keinen so hohen marktanteil haben und deswegen bei logistik und transport teurer sind und die erzeuger oft zu wenig für ihre produkte bezahlt bekommen - vor allem bei reis, kakau, tee. fair gewährleistet einen fairen preis für die erzeuger, die menschen können von ihrer arbeit dann auch leben. dieser punkt wird oft angezweifelt - also merke ich in gesprächen - diesem label "fair" wird nicht getraut. da sieht man mal wieder was anständiges marketing über jahrzehnte so bringt ... wir vertrauen da doch ehr maggi, dr. oetker und nestle...

    ReplyDelete
  4. Mir ist faire trade ebenso wichtig wie Bio!! War am Samstag in Nevers in einem Bioladen, weil ich dingend Schwarz-Tee brauchte. Und zu diesem Besuch kann ich mich nur dem Kommentaren von Zareen und barbara anschliessen! ...und nun habe ich den Kommentar von Ingrid auch noch gelesen und ich sage dir, auch sie spricht mir aus tiefstem Herzen.
    Mir persönlich geht es in Sachen Bio jedoch auch, um die Nachhaltigkeit in der Produktion und das Wohl der Tiere!
    Ich finde die Margen auch in den Bioläden nicht immer ganz fair!! Ein Anliegen ist mir auch, dass die Produkte oder die Tiere nicht durch mindestens die halbe Welt gekarrt werden.
    ....und zudem beschâftigt mich gerade,dass die reiche Welt klar bestimmt was fair ist!
    Liebe Ilse auch ich danke dir für diesen Beitrag und wünsche dir einen frisch-fröhlichen Abend!
    Herzlich die Bio-Bäuerin ;)
    bbbbb

    ReplyDelete
  5. yes smilla, bessere tierhaltung - nachhaltigkeit - wichtig!!! es hat sich auch schon sehr viel geändert seit den 80ern im bioladen - damals wären verpackungen aus plastik, tiefkühlpizza, fertiggerichte und so manches andere was es da jetzt gibt undenkbar gewesen... da war getreidemühle angesagt ;-)
    das mit den schlecht gelaunten gesichtern kann ich nicht bestätigen. vielleicht befinden sich die menschen in normalen supermärkten aber auch nur in einer werbespot-trance und sind deswegen "happy"...

    ReplyDelete
  6. Also ich finde alle meine Bioläden super. Mein neuer in Grafing, der Korn (der heißt wirklich so! meine Mutter kennt seine Eltern!) hat alles, was das Herz begehrt und macht sogar Mittagessen - z.B. eine göttliche Quiche Lorraine. Das hätte es früher in Grafing nicht gegeben.

    ReplyDelete
  7. Ich kenne mich in der Lebensmittelbranche nicht so aus,kaufe Bio und Lidl,am Liebsten aber direkt beim Erzeuger -wo mir das möglich ist.
    Ich habe in meiner Branche(ich bin Bildhauerin,verkaufe auch Grabsteine) eine Story ERLEBT,die meine Zweifel an der Glaubwürdigkeit solcher menschen- und umweltfreundlicher Bio- und Öko-Siegel schwer erschüttert hat:
    Eine Firma wollte sich einen Marktanteil erobern,indem sie behauptete ,nur die von IHNEN gelieferten, in Indien produzierten Grabsteine wären NICHT aus Kinderhand- und ein Siegel dafür ins Leben rief.
    Tatsache ist,dass Kinder bei der schweren Arbeit im Steinbruch mit Maschinen und im Granitwerk sowieso nichts zu suchen haben,die arbeiten dort nicht,weil sie nicht kräftig genug sind und weil es genug Erwachsene gibt.(ich war selbst dort und hab' mir das angesehen)Trotzdem hat es diese Firma fertiggebracht alle anderen mit einer Lügenstory in Miskredit zu bringen und sogar in manchen Städten durchzusetzen,dass nur die mit ihrem Siegel versehenen Grabsteine auf den Friedhof durften.Das hat natürlich einer Klage nicht standgehalten,aber trotzdem spuckt seit zehn Jahren dieser Artefilm durch alle Medien von Kraut und Rüben bis focus und Kirchenblättle-alle zitieren diese verlogene Quelle.
    Dasselbe in Grün mit den Teppichhändlern:da gibts Kinderarbeit,leider,denn die kleinen Hände können flinker knüpfen.Auch da wurde ein Siegel "Ohne Kinderarbeit" entworfen,die Teppiche sind ca 100% teurer.
    Allerdings darf bezweifelt werden,dass die vielen Tausend Knüpfereien,die in irgendwelchen Kellern sind und für die jeweils eine erwachsene Person bürgt(können meist nicht lesen und schreiben....)auch tatsächlich kontrolliert werden können.
    Eine Riesensauerei,da werden gutgläubige Menschen,die moralisch richtig handeln wollen abgezockt und hinters Licht geführt!
    Ich könnte jetzt mit den Schadstoffplaketten weitermachen,die in den Städten in denen sie gelten viel Geld eingebracht haben und lt.Messungen die Schadstoffe in der Luft überhaupt nicht verringert haben usw.Ganz besonders verachte ich,dass bei all diesen Prinzipien immer mit unseren Schuldgefühlen "gearbeitet " wird.
    Bei ganz vielen Bio-Ökoprojekten schlägt mein innerer Lügendetektor Alarm und das heißt für mich :"Vorsicht,da stimmt was nicht!" Vielleicht kommen daher die schlecht gelaunten Gesichter,von diesen blöden Schuldgefühlen!
    Stela

    ReplyDelete
  8. Trüffelöl ist kein Snobismus sondern pure Blödheit.....
    Na ja, die Deutchen sind halt bekannt dafür, alles billig zu kaufen, das ist das wichtigste Kriterium....

    ReplyDelete
  9. Mein Senf, abgedroschen: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral! Und Schuldgefühle sind der denkbar schlechteste Ratgeber! Rabrati!

    ReplyDelete
  10. kagraddl! Mensch, heute orakelt's aber kryptisch!

    ReplyDelete
  11. Als ehemaliger Wessi lebe ich seit 2000 in Ostdeutschland, zuerst in Sachsen, jetzt in Thüringen. Als Vegetarierin hat man hier echt nichts zu lachen. Ich muss sagen, dass der Supermarkt bzw. der Bioladen bei meinem Eltern auf dem flachem Westdeutschen Land wesentlich besser sortiert ist, als hier in den Landeshauptstädten (Dresden/Erfurt).
    Die Rezepte, die ich hier lese, würde ich auch gerne nachkochen, aber wo gibt es die Zutaten? Gestern habe ich vergeblich Zitronenzucker im Supermarkt gesucht. Vieles gibt es hier einfach nicht in einem Geschäft, sondern für ein Gericht muss ich drei bis vier Supermärkte aufsuchen.
    In 20 Jahren ist man dann vielleicht auch hier soweit.
    P.S. früher habe ich Kochkurse gegeben, aber hier würde ich wegen des logistischen Einsatzes an sowas verzweifeln.

    ReplyDelete
  12. schokolade und kinderarbeit
    www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5555724
    nach diesem bericht gibt es seither keine schokolade..... leider.
    Kurt

    ReplyDelete
  13. ach ja barbara - es natürlich eine sauerei dass wirklich gesunde und faire nahrung nur für geldige personen bezahlbar ist. die anderen müssen ausbeuten und vergiften - und die politiker reden sich raus mit dem (feigen und falschen) argument, die leute wollen eh nur billig...
    es gibt menschen und orgnisationen die dieses problem kennen und versuchen etwas dagegen zu tun.
    kvinna: erst das fressen, dann die moral - kann ich nur akzeptieren wenn es um leben oder tod geht. wir haben ja allen die bäuche mehr als voll. da darf's schon ein bissel moral sein.
    hihi und meine verificaion - wie passend - unchogi

    ReplyDelete
  14. also, bei uns hat der hofer ( = der österreichische ableger vom aldi) schon auch bio, fair trade und regionales im sortiment.
    lg, christa

    ReplyDelete
  15. Ich habe grad nochmal die ganze Diskussion durchgelesen, und ich danke euch allen für die super interessanten Beiträge, auch dass in diesem Gutmenschenbereich viel gelinkt wird! Kurt - danke für den Link. Wenn das stimmt (und das stimmt ganz sicher), ist es wirklich schwierig, noch irgendwas zu kaufen - auch die viel zitierte Valrhona, und t-shirts, Teppiche, Tee und Kaffee und alles andere auch.

    ReplyDelete
  16. Liebe Ingrid,
    das mag ja sein, dass es moralisch unbedenklicher ist, das Fressen erst auf Leben und Tod obenan zu stellen. Aber für das ICH im Supermarkt, um das es um die Frage geht:"Fühl' ich mich als Gutmensch und verzichte, oder geb' ich meinen Gelüsten nach und habe still für mich ein kleines, ziependes Schuldgefühl?" kommt trotzdem auch bei der Schokolade das Fressen zuerst. Garantiert.

    ReplyDelete
  17. ein teil der diskussion ist aber im orkus verschwunden?!

    ReplyDelete