Thursday, 23 August 2012

Ess-Stress - nein danke!

Oh mein Gott, ich habe mir neulich im Fernsehen den Film "El Bullí" angeschaut. Ein ausgezeichneter Dokumentarfilm, nur vom Zusehen war ich so gestresst dass ich nachts zweimal mit Herzklopfen aufgewacht bin.  Ich kann es nicht fassen, dass so viel Leidenschaft, Talent, Kreativität die fast an religiöse Hingabe grenzen, nur darin münden, ein paar Reichen (oder auch weniger Reichen, die ein Jahr sparen, um sich dieses Statussymbol zu leisten) alljährlich neue Thrills zu verschaffen.
Irgendwo in einem Foodblog habe ich von einem Gang namens "Ingwerluft" gelesen: geht's noch? Oder es gibt das berüchtigte snail porridge im englischen Molekularpalast, The Fat Duck, und El Bullí setzt noch eins drauf mit Gerichten wie einer Suppe aus Wasser und Haselnussöl - etwas gezwungen aus dem Ärmel geschüttelt auf der Suche nach neuen Texturen für die neue Saison. Wohlgemerkt - nicht Gerichte, sondern neue Texturen, neue Geschmackserlebnisse. Fenchel mit Yuzu das aussieht wie Fischfilet. Pilze als Pasta. Fischsauce mit Eiswürfeln. Alles vorher sous-vide, vakuumisiert, alles möglichst weit weg vom Essen wie es wirklich aussieht.
Mei, wer's mag...Ich lebe derzeit in einem Lieblingsbuch, "The table comes first" von Adam Gopnik. Nie habe ich vernünftigere, interessantere, informativere, lustigere Sätze zum Thema Essen gelesen.
My own five-star cuisine
Meine Sterneküche:Kartoffelpuffer mit Kohlrabi
Sterneküche, gar die molekulare, und auch die neue nordische, ist mir nicht nur deshalb unsympathisch weil es eine dämliche Elitekultur ist, sondern wegen diesem übertriebenen Dekozwang: hier ein Tröpfchen, da ein Schäumchen, ein Zweiglein, und, ja - Luft....
Es könnte eine Gaudi sein, stattdessen ist es eine Art Zirkus - supergestresste Menschen produzieren Grenzerlebnisse für übersättigte Konsumenten. Es wäre ja kein Wunder, dass Chef Ferran Adrià Pause machen will - aber der Mann ist ein getriebener Daniel Düsentrieb, der kennt keine Pause.
Er hat jetzt ein Kochbuch namens "The Family Meal" geschrieben, eine Sammlung von Rezepten für das gemeinsame Essen der "Family", seine Angestellten. Ich vermute, es stellt die als Essen erkennbare Quintessenz aus all dem Talent in seinem Restaurant dar. Und warum mich das interessiert? Weil ich schon a bisserl a Food-Nerd bin, trotz meiner begrenzten Möglichkeiten, und gern meinen Senf dazugebe.
Meine Tomaten wollen jetzt scheinbar doch rot werden!
My tomatoes have finally turned red now.
The other night I watched the film about the now historic restaurant phenomenon "El Bullí" - if you haven't heard of it you must have been holidaying on Mars for the past ten years. An excellent documentary, I watched it with my nose pressed to the screen. I woke up twice in the night with palpitations: the stress the chefs were under was so, ahem, palpable. On the one hand, I detest all these star chefs and their antics, all this elite cuisine, but it also has a gruesome fascination, because it's about people who are really passionate about food. Only, I find it a shame that all that creativity, passion, talent is focussed on creating culinary sensations for some expense account suits, the privileged and the rest of us poor saps who save all year and feel ecstatic when they have finally bagged a booking that will cost them as much as fitting a new kitchen (ok, an IKEA kitchen).
Why am I even talking about this? Because I am a long-standing food nerd, despite my severy handicaps - no money, no travel, no decent shops in the vicinity. So I live my food adventures largely vicariously, and then blog about it. And keep coming back to my favourite book about food, "The table comes first" by Adam Gopnik. Everything you ever wanted to know about food is in there!
My five-star gourmet kitchen: poached pears with star anise
Meine Sterneküche: Birnenkompott mit Sternanis

13 comments:

  1. Ich liebe deine 5+******** -Küche!
    Bei diesen hoch kandidelten Wasauchimmer wird mir ganz rumplig! Ich stehe auf chüstiges, naturgetreues, frisches und beglückendes Normalessen....und auch die Portion sollte stimmen... natürlich liebe ich auch einen passenden Wein dazu... Bekomme gerade einen wunderbaren Appetit... das Nachtessen schlummert zwar noch leise.... aber ich bewege mich gleich in die LiebchenamHerdZielgerade... der Tisch wird gedeckt, was will frau da noch mehr?
    Chère Ilse ich steck dir gleich noch ein Paar Sternchen an deinen Hut und wünsche dir einen heiteren Sommerabend!
    Bei uns ist es immer noch
    f-trocken!!
    Bisou Brischitte

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  2. ich hab keine ahnung von diesen food auswüchsen, aber eines ist klar, deine sterneküche ist bei weitem die beste, günstigste, kreativste, originellste, lustigste und vermutlich sättigenste...............gehts noch ??!! ; ))

    die sternkohlrabi sind ein hit, die muß ich mal probieren !!

    lg aufs land

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  3. Dazu passt der film LE CHEF mit Jean Reno aus diesem Sommer. Da gibt es zwei wirklich komische Szenen zum Thema Molekularküche... Ich hab in Italien kochen gelernt, da wussten wir immer, was am Teller liegt. Ich bin mir nicht sicher, was mir besser gfällt: die ingwerLuft oder die wässrige Haselnussöl Sache :-) bei euch in Bayern könntest du da ja mal mit der landLuft experimentieren! Ein hauch von Mist, das ist wenigstens herausfordernd... für feine Näschen... lg aus Wien von Bettina

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  4. "Alles möglichst weit weg vom Essen wie es wirklich aussieht" - mein Stichwort! Nicht nur, wie es aussieht, sondern eben auch, wie es sich wirklich auf der Zunge anfühlt und wie es wirklich schmeckt!

    Es war die Gläschenkost aus den Supermärkten in der Zeit, als mein erstes Kind in das entsprechende Alter kam, die mich diesbezüglich schocktherapierte.

    Erstens die Etikettenlügen - Brokkoli drauf, Pastinaken im Glas! Und dann die Sache mit dem Bio - mögen ja supergesund sein, die Möhren aus kontrolliertem Bioanbau. Aber Nitratgehalt hin oder her, die Kinder haben ein Recht darauf, zu erfahren, wie Möhren wirklich schmecken.

    Dieser ganze Psycho-Terror ums Essen macht doch nur abhängig.

    Und auf leeren Magen Dein Blog zu betrachten ist nach wie vor ein schwerer Fehler...

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  5. Hihi - landLuft,100% Bio. Könnte ich jederzeit verkaufen hier.

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  6. Früher sagte man mir immer: "Spiel nicht mit deinem Essen. Es gibt Menschen, die haben gar keins."
    Mich regt es auf, wenn es Fress-Wettbewerbe" gibt, oder wer verträgt's am Schärfsten....
    Da gibt's keinen Respekt mehr....
    Wie soll da ein anderes Bewußtsein vor den Tieren, Pflanzen, Menschen, allem was ist,...entstehen, oder wieder entdeckt werden?
    Die sollten vielleicht mal andere Inhalte ver-filmen....
    Liebe Grüße,....und viel Kraft wünsche ich Dir.
    Rosi

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  7. Ein unverwechselbarer Ilse-post! Ich habe mir auch EL BULLI angeschaut und mich hats teilweise gegruselt. Perfektionismus hin oder her. Das hat doch nichts mit genußvollem Essen zu tun! Man stelle sich vor - mal kurz nicht zugehört, als die Bedienung den Hauch von NIX vorgestellt hat und Du weißt gar nicht, was Dir da so schnell auf der Zunge zergeht....Nein, nein, da bleiben wir doch bei unserer eigenen Sterne-Küche - die schmeckt auch ohne Erklärung....und eine 6-monatige Kreativ-Pause brauchen wir auch nicht. Aber Du, liebe Ilse, bist sowieso unser besonderes Sternchen - hast ja sogar einen (See)STERN mehr :) Übrigens....BEZAUBERND, Dein neues Header-Bild mit der rosa Schrift!

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  8. Im Gegensatz zu den gesamten molekularen Food-Bewegung, empfehle ich Tamar Adler's Buch, An Everlasting Meal. Her philosophy is close to yours.

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  9. und noch dazu ist diese "küche" ja nur durch massiven einsatz von chemischen keulen möglich. ich habe das nicht gesehen, möchte aber meine grauen haare drauf verwetten, daß da nicht explizit drüber berichtet wurde.
    bei einem lieferanten der gehobenen gastronomie kann man regalweise diese alchemie anschauen - da gruselt's eine aber ordentlich!
    die gängigen schäumchen auf den sößchen die man leider immer noch am teller sieht, werden mit lecithin stabilisiert. mag sein, das ist jetzt unbedenklich, aber mir wird da immer leicht kodderig nach dem essen.
    ich lobe mir deine (und meine) gesunde, währschaftene küche.

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  10. Doch noch eigene Tomätchen! Die sind bestimmt besonders lecker.

    Übrigens ist das Bild im Kopf zur Zeit sehr schön.

    Grüße
    Oona

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  11. essen/kochen im film? "le grande bouffe" (sehr schräger spielfilm) hat mich (damals) auch ganz schön gestresst.
    gruß
    c.

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  12. Du hast das Unbehagen, das auch ich meist in "feinen" Restaurants verspüre (in die ich dann doch 2-3 Mal in Jahr gehe), ziemlich gut beschrieben. Thrill für übersättigte Bildungsbürger, genau. Und der Service, der ist ja auch so gut wie immer ganz furchtbar unlocker.

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  13. Mir ist richtiges Essen lieber, als sowas molekulares.
    Gibt es irgendwo dein Kartoffelpufferrezept? Die sehen so schön kompakt aus. Bei mir zerlaufen die Dinger immer.

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