Sprachen sprechen
Deutsch war meine erste Fremdsprache - daheim sprachen wir meine Muttersprache, bayrisch. Das wollte uns die Schule austreiben, hochdeutsch war Amtssprache. Dann kam endlich englisch, das wurde meine zweite Muttersprache. Ich kam heim mit dem Wort Yellow. "yellow", sagte meine kleine Schwester andächtig. Von da an ging's voran, innerhalb weniger Jahre sprachen wir miteinander englisch - vor allem nachdem wir „The catcher in the Rye“ gelesen hatten. Wir hörten AFN, den Radiosender für GIs, und hatten eine Menge BrieffreundInnen in aller Welt. Noch heute weiß ich ihre Namen: Leonie aus York, Deepak Dhariwal aus Indien, Jean Anunda aus Mauritius, Nobuyoshi Iwase aus Japan. So aufregend, wenn die dünnen blauen Luftpostbriefe ankamen!
Kaum war die Kindheit vorbei, fing mein italienisches Abenteuer an. Ich war 20 und steckte mitten im Abitur, nebenbei war ich Platzanweiserin im Luitpoldkino (das gibt’s nicht mehr, aber das Café Luitpold gibt’s noch in München). Eines Abends kam ein schöner Römer und bat mich um Feuer.
Reader, I married him! (Das ist übrigens der letzte Satz in welchem klassischen Roman?)
Sofort lernte ich mit Leidenschaft seine Sprache. Zu diesem Zweck organisierte er mir eine Au-pair stelle; ich wurde die Nanny von Luigi und Antonella - die zwei Süßen dürften inzwischen um die 60 Jahre alt sein ...
Übrigens ging dieser Plan fast nach hinen los für meinen Geliebten, denn die Eltern von Luigi und Antonella waren versessen darauf, mich mit jungen Männern bekannt zu machen. Ein gewisser Renato, Revolutionär und geborener Römer, zeigte mir die geheimen Schönheiten von Rom, während er mir erklärte warum Stalin alles richtig machte. Zum Beispiel fand ich heraus, wo an der Mauer des Kapitols (Campidoglio) die Kapern blühen,
Genau so ein Modell war übrigens unser drittes Auto, mit dem wir beiden Riesen mehrmals von München nach Rom fuhren - immer ohne Panne.
Da wir beide sehr jung waren, hielt die Ehe nicht sehr lang und löste sich freundlich in verschiedenen Wohngemeinschaften auf. Die folgenden Jahre waren von der Liebe zu verschiedenen italienischen Männern und dem Kampf für Gastarbeiter mit Lotta Continua erfüllt. Der Kampf sah so aus: ein Schwarm von italienischen BMW-Arbeitern zogen mit meinem Römer und Luisas Mann, Albino Francia, durch München. Teilweise lebten sie mit uns in den WGs, man saß im Gras am Biederstein und sang revolutionäre Lieder. Wir brachten sie mit nach Grafing zu unserer Mutter, die sie herzlich aufnahm in ihrem kleinen Wohnzimmer (nach dem Motto auf ihrem Sofakissen: Fünf sind geladen, zehn sind gekommen. Gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen!")
Dann kamen Roberto und Gabriella in mein Leben, und ich folgte ihnen zum "Monserrato", so nannten sich die Freunde nach der Straße hinter Piazza Farnese, wo die Bar von " Le Gemelle", zwei identischen Schwestern, war und das Restaurant, vor dem ich in Ohnmacht fiel weil ich eigentlich nicht ans Wein trinken gewohnt war.
Fünf Jahre in einem Palazzo mit Deckengemmälden mit Roberto, Tamara und Gabriella. Ein paar Schritte vom Forum und vom Ghetto entfernt, dem Kino am Campo de' Fiori und der Brücke nach Trastevere.
Essen war damals für mich kaum ein Thema, nicht so wie jetzt wo ich an keinem Teller vorbeikomme, ohne ein Foto zu machen. Einzig lernte ich von Gabriella, wie man eine Paprika auf die nackte Gasflamme legt um sie zu häuten.

Das letzte Mal, als ich in Rom war, waren die Freund*Innen umgezogen nach Monteverde. Zuerst war ich enttäuscht, dass es die vertraute Wohnung nicht mehr gibt. Aber inzwischen ist das historische Zentrum so touristisch, Campo de' fiori wimmelt von Influencern, das Ghetto wo früher ein paar Bäckereien jüdische Mandelkuchen verkauften ist jetzt eine Freßmeile...Jetzt gefällt mir das grüne Monteverde sehr gut.


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